Brandbrief: Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin

Brandbrief: Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin

Sehr geehrter Herr Ziegler, sehr geehrte Mitglieder des Kuratoriums der Freien Universität
Berlin,

Wir appellieren an Sie nachfolgende Schritte in die Wege zu leiten:

  1. Die Wiederaufnahme der Verhandlungen für eine Dienstvereinbarung zur verbesserten und für alle Seiten rechtssicheren Dienstplangestaltung.
  2. Korrekte und schnellere Bearbeitung der Lohnabrechnungen unter Beachtung aller tariflichen Zuschlagsberechtigungen.
  3. Schnellere Besetzung offener Stellen zur Entlastung des bestehenden Personals sowie die Meldung freier Stellen an die Agentur für Arbeit.
  4. Kontrolle und Gewährleistung der Wissenschaftszeit zur eigenen beruflichen Qualifizierung der WiMis.
  5. Bessere Kommunikation zwischen Verwaltungsapparat und den restlichen Mitarbeitenden des Fachbereichs.

Hintergrund:

„Menschlichkeit, Respekt und Toleranz sind die Grundpfeiler unserer Gemeinschaft. […]

Als Universität sind wir ein Ort des Austauschs von Argumenten, ein Ort der offenen und demokratischen Diskussionskultur. Auch in konfliktreichen Situationen.“

(https://www.fu-berlin.de/ ; Startseite, Stand 22.03.2024)

Dies sind die ersten Worte, mit welchen man auf der offiziellen Internetseite der Freien Universität Berlin begrüßt wird. Ob die Veterinärmedizin jedoch von diesen Prinzipien seit mehreren Monaten ausgeklammert ist, fragt sich wohl mittlerweile fast jeder am besagten Fachbereich.

Mit Beginn der Corona-Pandemie nannte man uns, die Beschäftigten des Fachbereichs Veterinärmedizin (FB VetMed), „systemrelevant“, dafür gab es von der Fachbereichsleitung aber keinen Dank. Wir waren wichtig, denn ohne uns war der Fortbestand der Lehre nicht gesichert. Unter erschwerten Arbeitsbedingungen machten wir es möglich, dass das Studium zahlreicher Studierenden, das wissenschaftliche Arbeiten und die Klinikbetriebe aufrechterhalten werden konnten.

Die „Anerkennung“ für unsere allgemeine Arbeitsbereitschaft, insbesondere während dieser schwierigen Zeit, sieht wie folgt aus:

Auch nach dem Präsidiumsbeschluss vom 09.06.2022, wonach nicht vergütete Zuschläge am FB VetMed bis zu 3 Jahre rückwirkend ausgezahlt werden sollen, ist es Realität, dass die eingereichten Abrechnungsbögen von der Fachbereichsverwaltung nicht oder verspätet an die Lohnstelle weitergeleitet werden. Dazu kommt, dass offene Stellen nicht neu besetzt oder komplett eingestampft werden. Dies wird durch die Selbstverwaltung des FV VetMed erst ermöglicht.

Der gleichzeitig fortschreitende Personalmangel und der Umstand, dass sich die Dienststelle offenbar auf keine Verhandlungen zu einer Dienstvereinbarung zur Dienstplangestaltung einlassen möchte, führen zum Stillstand und verstärken die Fluktuation an Arbeitskräften. Fazit: Uns verlassen junge engagierte Beschäftigte, da die Arbeitskonditionen so unattraktiv gestaltet sind, dass an unserem Fachbereich keine Zukunftsperspektiven mehr gesehen werden.

Wird die Personalführung dem vorherrschenden demografischen Wandel noch gerecht? Sollte Personalpolitik dem Fachkräftemangel nicht eigentlich entgegenwirken und Anreize für Beschäftigte schaffen weiterzumachen?

Der Abgeordnete Tobias Schulze (LINKE) stellte am 12. März 2024 Fragen an das Berliner Abgeordnetenhaus.

Daraufhin teilte Ellen Hausdörfer (Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege) nachfolgendes mit:

  • Im Zeitraum 01.01.2021 bis 31.03.2024 haben 81 Beschäftigte am Fachbereich Veterinärmedizin gekündigt. Darüber hinaus haben 30 studentische Hilfskräfte gekündigt.
  • 157 Kolleginnen und Kollegen mussten Anträge auf Höhergruppierung stellen. 312 Personen mussten monatliche Zeitzuschläge geltend machen.
  • Auf die Frage, in welchem Umfang und bei wie vielen Beschäftigten bislang Nachzahlungen durchgeführt werden mussten, wurde mitgeteilt, dass 312 Personen Zeitzuschläge in Höhe von 2.004.903,88 € ausgezahlt bekommen haben. Das ist eine unglaubliche Summe, deren Zahlung gemäß Tarifvertrag ohne Aufforderung oder besonderer Geltendmachung hätte erfolgen müssen.
  • Die Frage, wie hoch die Gesamtsumme ist, die die Freie Universität in den Haushaltsjahren 2018, 2019, 2020, 2021, 2022, 2023 gespart hat, indem ausfinanzierte Haushaltsstellen im FB VetMed nicht besetzt wurden, wurde mit nachfolgender Tabelle wie folgt beantwortet:

Es konnten also im Zeitraum 2021, 2022, 2023, indem zig Kolleginnen und Kollegen von uns gekündigt haben, knapp 5 Mio. Euro eingespart werden. Man hätte nun annehmen können, dass die freigewordenen Stellen mit Hochdruck nachbesetzt werden. Doch wenn wir im Portal der Agentur für Arbeit nach freien Stellen am Fachbereich Veterinärmedizin suchen, finden wir dort derzeit lediglich eine Stelle für eine*n Tierpfleger*in, keine einzige für tiermedizinische Angestellte und das obwohl die Meldung von freien Stellen im öffentlichen Dienst gesetzlich vorgeschrieben ist und die Akkreditierung des FB VetMed auf dem Spiel steht.

Wir halten es aufgrund dieser neuen Informationen für wenig glaubwürdig, dass alles unternommen wurde, ausreichend Personal einzustellen.

Findet man dann endlich geeignete Kandidat*innen für eine zu besetzende Stelle, ist es keine Seltenheit, dass die Einstellung durch schleppende und teils undurchsichtige Verwaltungsprozesse so lange hinausgezögert wird, dass die wenigen potentiellen neuen Kolleg*innen wieder abspringen. Dabei wird uns häufig mitgeteilt, Einstellungsprozesse würden durch den Personalrat verzögert. Erkundigen wir uns beim Personalrat, liegen diese Anträge seitens der Dienststelle nicht vor.

Wir fragen uns: Was passiert eigentlich mit den für diese Stellen budgetierten Geldern, wenn Bewerber*innen abspringen?

Wir Mitarbeitende haben das Gefühl, dass auf unserem Rücken Stellengelder gespart werden. Ist es der Dienststelle wichtiger für die Uni Geld zu generieren, als Wissen zu transferieren?

Und wir die bleiben? [1]

Wir sind konfrontiert mit Mehrbelastung und Arbeitsverdichtung. Fehlendes Personal muss mit dem Vorhandenen kompensiert werden. Was im Klartext bedeutet: Mehrarbeit für den Einzelnen durch mehr abzudeckende Wochenend- und Nachtdienste, mehr Rufbereitschaften, Überstunden etc. (welche dann nicht mal zuverlässig bzw. pünktlich ausgezahlt werden) und auch das Abdecken von Tätigkeiten anderer SoMi-Berufsgruppen gehört mittlerweile zum traurigen Alltag dazu. Dies führt nicht nur zu einer allgemeinen Demotivation der Arbeitnehmer*innen, sondern auch zu einer massiven Beeinträchtigung des individuellen Privatlebens.

Von den drei Grundpfeilern der Universität fehlt bis hier hin leider jede Spur!

Ein Sonderfall, der aber bei einer Universität ganz wichtig zu erwähnen ist, ist die Situation unserer wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des Fachbereichs, die arbeitsrechtlich in einem besonders unsicheren Umfeld agieren.

Ziel dessen ist es, möglichst vielen jungen Hochschulabsolvent*innen die Möglichkeit zu geben sich wissenschaftlich weiter zu qualifizieren, also in der Regel zu promovieren oder eine spezielle Fachausbildung zu absolvieren, welche immer neuen Input garantiert. Prinzipiell eine gute Absicht, aber vielleicht im derzeitigen Ausmaß nicht mehr ganz zeitgemäß, denn dies führt in der Realität dazu, dass fast ausschließlich befristete Arbeitsverhältnisse abgeschlossen werden, da man doch möglichst viele Wissenschaftler*innen in kurzer Zeit ans Ziel bringen will. Es stellt sich also die Frage: Gibt es hiervon überhaupt noch so viele, die diesen Input erzeugen können?

Die Wissenschaft ist schnelllebig. Aber wie sieht es mit der Lehre (dem wichtigsten Instrument des universitären Arbeitens), und den anderen Verpflichtungen eines WiMis?

Ein WiMi unseres Fachbereichs hat bei weitem noch mehr Aufgaben als sich selbst weiter zu qualifizieren. Denn womit verbringt der*die junge Wissenschaftler*in am Fachbereich Veterinärmedizin den Arbeitstag?

Im Klinikbereich wird sich um die tiermedizinische Versorgung der Patienten gekümmert, es wird mit Tierbesitzer*innen kommuniziert und Befunde werden dokumentiert, denn alles muss rechtssicher und nachvollziehbar sein. Dies alles geschieht unter der Beobachtung von diversen Studierenden, die wissbegierig alles hinterfragen und gleichzeitig auf allen Gebieten angeleitet und ausgebildet werden wollen. Nebenbei hat man als Wissenschaftler*in den Lehrauftrag zu leisten, der mit der ständigen Begleitung durch Studierende nicht erfüllt ist. Vorlesungen und Wahlpflichtkurse müssen vorbereitet und abgehalten werden. Prüfungen müssen abgenommen und dokumentiert werden. Zusammen mit den bei [1] benannten Mehraufwänden, wird alles andere als Motivation gefördert.

Eine Mehrheit unserer WiMis fühlen sich angesichts der Arbeitslast erdrückt und sind frustriert, weil sie ihrem eigentlichen Qualifikationsziel nicht nachkommen können. Hinzu kommt die soziale Verunsicherung durch ständige Befristungen, die an die Erfüllung ebenjener wissenschaftlicher Ziele gekoppelt sind. Ein Großteil gibt aufgrund dieser Überforderung bereits vor Erreichen der Qualifikationsziele auf. Auch ihre Stellen bleiben wie so viele am Fachbereich Veterinärmedizin lange unbesetzt. Aus denselben Gründen wie bereits erläutert – Ein Teufelskreis.

Der schlechte Ruf bezüglich der Arbeitsbedingungen hat seine Kreise gezogen.

Die Absolvent*innen zieht es schon seit Jahren nicht mehr zum FB VetMed der FU. Wahrhaben wollen die Verantwortlichen das offensichtlich nicht. Es erfolgt nach wie vor kein Umdenken. So gibt es beispielsweise für die Wenigen die bleiben würden und die aufgrund ihrer Erfahrungen helfen könnten, das System am Laufen zu halten, keinen Platz. Und das Versprechen, Tierärzt*innen künftig tarifkonform nach der Entgeltgruppe 14 einzugruppieren ist zwar erfreulich, wird aber dadurch überschattet, dass weiterhin viele langjährig an der FU als Tierärzt*innen beschäftigte Mitarbeiter*innen mit der Entgeltgruppe 13 vergütet werden und diese auf ihre vor Monaten gestellten Eingruppierungsanträge keine Rückmeldung erhalten.

Man mag der Auffassung sein: Es kommen ja schließlich immer wieder neue motivierte Arbeitskräfte nach. Wie die Realität tatsächlich aussieht, wollen wir mit diesem Schreiben zum Ausdruck bringen.

Noch einmal zur Erinnerung:

„Qualifikation und Motivation sind der Schlüssel für die Leistungsstärke und den Erfolg der Freien Universität…“

https://www.fu-berlin.de/universitaet/beruf-karriere/index.html

„Menschlichkeit, Respekt und Toleranz sind die Grundpfeiler unserer Gemeinschaft.

https://www.fu-berlin.de/

Mit freundlichen Grüßen

71 Unterschriften von Beschäftigten des Fachbereichs Veterinärmedizin (Stand 29.04.2024)

Unterzeichnet und unterstützt von der ver.di-Mitgliederversammlung (29.04.2024)